DurchFlug. E.T.A. Hoffmann in Schlesien

DurchFlug. E.T.A. Hoffmann in Schlesien. Ein Lesebuch von Peter Lachmann. Potsdam: Deutsches Kulturforum östliches Europa e. V. 2011. 325 S. m. Abb. ISBN 978-3-936168-49-3. 14,80 €

Besprechung von Bernhard Schemmel

Dass E.T.A. Hoffmann mit Schlesien etwas zu tun hat, ist ein relativ unbekannter Aspekt. Zwar hat er 1796-1798 zwei Jahre seiner juristischen Ausbildung in Glogau verbracht, 1808 dort Johann Samuel Hampe besucht und 1819 einen knapp dreimonatigen Kuraufenthalt in den schlesischen Bädern Warmbrunn, Flinsberg und Landeck zur gesundheitlichen Regeneration gebraucht – reicht das aber für eine Publikation, zumal der ingeniöse Buchtitel – ein Zitat aus dem Brief vom 15. Oktober 1798 – auf Flüchtigkeit der Beziehung zu deuten scheint? Das Buch ist ursprünglich mit dem Arbeitstitel „E.T.A. Hoffmann in Polen“ angekündigt worden. Während der Zeit seiner juristischen Tätigkeit im damals preußisch besetzten Polen, in Posen, Plock und Warschau, ist Hoffmann aber als Komponist, Zeichner und Maler hervorgetreten, und das gibt eher den Stoff zu einer Oper ab. In der Tat plant Peter Lachmann eine solche, Hoffmann in Warschau.

Dagegen stehen nun als erstes Hoffmanns Briefe aus Glogau an den Freund Theodor Gottlieb von Hippel d. J., die, nicht zur Publikation bestimmt, neben dem Freundschaftskult durchaus Züge der Literarisierung erkennen lassen. Hippel hat sie der Nachwelt erhalten, freilich zensiert. Sie in dem Buch erneut und im Zusammenhang lesen zu können, ist aufschlussreich, und es war nur sinnvoll, auch die von Hitzig publizierten Erinnerungen Hippels mit abzudrucken. Vor allem die Königsberger Jugendzeit Hoffmanns und das Dora Hatt-Erlebnis/Trauma treten dadurch plastisch hervor. Bereits in dem DurchFlug-Brief hat Hoffmann einen literarischen Eindruck von einer Reise gegeben, der allein den Abdruck in Schlesien-Anthologien gerechtfertigt hätte, in denen man Hoffmann bislang vergeblich sucht. Bei seinem Kuraufenthalt 1819 ist er längst der selbstbewusste Salon-Schriftsteller Berlins und die Verleger reißen sich um ihn; freilich erscheinen nur drei der mit gehöriger Ironie geschriebenen „Briefe aus den Bergen“. In dem an Theodor (wohl Hippel) gerichteten, gewährt Rübezahl dem kleinen braunen Männlein als dem Verfasser des Goldenen Topfs und Komponisten der „Undine“ tatsächlich eine „Audienz“. Im Brief wohl an Johanna Eunicke hört Hoffmann in einer Art Fernübertragung deren Undine-Arie aus einem einfachen Bauernhaus.

Zusätzlich werden drei Erzählungen abgedruckt, aus den Nachtstücken „Die Jesuiterkirche in G“ und „Das steinerne Herz“, aus den Serapionsbrüdern „Spielerglück“. Aufgrund der topografischen Schreibweise Hoffmanns lässt sich „G“ als Glogau auflösen, wenngleich die eingangs dargestellte Kleinstadt-Bürgerlichkeit auch auf jede vergleichbare Stadt, z. B. Bamberg, zutreffen könnte. Die im Fest der alten Zeit des „Steinernen Herzens“ auf einem Landhaus in der Nähe von Glogau geschilderte multikulturelle Gesellschaft ist nicht als Gegensatz dazu anzusehen; Hoffmann benutzt die Topografie in beiden Erzählungen, um im Bild zu bleiben, als Start- und Landeplatz für raum- und zeitüberschreitende realistisch-phantastische Darstellungen. „Das Spielerglück“ ist durch den Kommentar eines der Serapionsbrüder als auf ein persönliches Erlebnis aus der schlesischen Zeit zurückgehend nachgewiesen.

Nicht nur diese Erzählung gibt Lachmann in seinen mit umfassender Sachkenntnis von Hoffmanns Werk und Umfeld sowie in mühelosem Zitieren auch von Autoritäten oft nachgerade poetisch formulierten, tiefschürfenden Kommentaren Gelegenheit zu überzeugenden Würdigungen, dazu mit ganz aktuellen Bezügen, und das fernab von jeglicher Kleingeisterei. Viele Aussagen aus dem Werk sind in neue Zusammenhänge gestellt, über Einzelnes wird durchaus noch zu diskutieren sein, z. B. die Fiktionalität des Autors „Hfm.“. Lachmann sieht Hoffmann als einen der erotischsten Schriftsteller, würdigt aber auch auf verständnisvolle Weise die polnische Ehefrau Michalina, deren Grabplatte in Cieplice (Bad Warmbrunn) er „als kleines Symbol für die nationale Polyphonie einer Region“ betrachtet. Die hier versammelten und so wohltuend intelligent kommentierten schlesischen Texte Hoffmanns gehören jedenfalls „nunmehr zum gemeinsamen kulturellen Erbe Deutschlands und Polens“.